Die grüne Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt muss sich kurz vor der Landtagswahl mit der Vergangenheit ihres Ehemanns beschäftigen.

1. September 2026 / 11:01 Uhr

Doppelmoral im Wahlkampf: Grünen-Kandidatin räumt Nazi-Vergangenheit ihres Mannes ein

Die Vergangenheit ihres Ehemanns ist zurück im Wahlkampf. Susan Sziborra-Seidlitz, Spitzenkandidatin der Grünen in Sachsen-Anhalt, bestätigt, dass David Seidlitz in den neunziger Jahren Teil der rechtsextremen Szene in Quedlinburg war. Heute arbeitet er selbst für die Grünen, die sonst gerne ihre politischen Gegner bei jeder Gelegenheit als “rechtsextrem” diffamieren.

„Ich will das nicht kleinreden“

Die Grünen-Politikerin äußerte sich zu der Debatte bei einer Wahlkampfveranstaltung in Wernigerode. Dabei sprach sie über die Vergangenheit ihres Mannes: Sie wolle das “nicht kleinreden”, Seidlitz wäre Teil der rechtsextremen Szene in Quedlinburg gewesen – aber: Das sei 30 Jahre her. Heute sei er “Demokrat” und “Antifaschist”, erklärte Sziborra-Seidlitz.

Die Angaben zur damaligen Szene stammen unter anderem aus einem Beitrag des Antifaschistischen Infoblatts aus dem Jahr 1995. Darin wurde David Seidlitz im Zusammenhang mit einer rechtsextremen Struktur in Quedlinburg genannt und als „stadtbekannter Neonazi“ bezeichnet.

Plötzlich gilt: Menschen können sich ändern

Sziborra-Seidlitz versucht aus der unangenehmen Affäre eine politische Botschaft zu machen. Gerade weil Menschen sich verändern könnten, dürfe man nicht pauschal jeden Wähler einer rechten Partei mit seinem früheren politischen Umfeld gleichsetzen.

Wir müssen daran glauben, dass Menschen für die Demokratie zurückzugewinnen sind. Wir müssen daran glauben, dass nicht 40 Prozent der Menschen in unserem Land Rechtsextreme sind, nur weil 40 Prozent der Menschen in unserem Land Rechtsextreme wählen.

Noch deutlicher wurde sie mit Blick auf ihren Ehemann: „Es lassen sich auch Rechtsextreme für die Demokratie zurückgewinnen, weil die Demokratie das überzeugendere Argument ist.“ Das ist eine bemerkenswerte Aussage ausgerechnet im Umfeld einer Partei, die in der politischen Auseinandersetzung mit der AfD regelmäßig auf die Vergangenheit, Kontakte und ideologischen Überschneidungen ihrer Gegner verweist.

Grüne sprechen von „Schmutzkampagne“

Die Grünen weisen zugleich jeden Eindruck zurück, dass die neuerliche Debatte ein politisch relevanter Vorgang sein könnte. Sziborra-Seidlitz bezeichnete die Thematisierung der Vergangenheit ihres Mannes mit Blick auf die AfD und deren Umfeld als „stümperhafte Schmutzkampagne“.

Auch Grünen-Bundesvorsitzende Franziska Brantner verteidigte die Kandidatin. „Was da jetzt berichtet wird, ist ja überhaupt nichts Neues“, sagte Brantner. Sie wertete die neuerliche Thematisierung als Zeichen von Nervosität bei der AfD. Ein Sprecher der sachsen-anhaltischen Grünen sprach von einem „durchsichtigen Wahlkampfmanöver aus dem rechtsextremen Umfeld der AfD“.

Damit ist die politische Front klar gezogen: Die Grünen verweisen auf eine Jahrzehnte zurückliegende Biografie und eine inzwischen vollzogene Abkehr, während die Kritiker daraus gerade vor der Wahl eine Frage der politischen Glaubwürdigkeit machen. Dass die Vergangenheit bereits 2022 im Landtag von Sachsen-Anhalt Thema war, spricht allerdings gegen die Darstellung, es handle sich um eine völlig neue Enthüllung.

Wenige Tage vor der Wahl

Am sechsten September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Für die Grünen sieht es dort alles andere als gut aus, denn die AfD führt die aktuellen Umfragen mit deutlichem Abstand an. Im jüngsten Sachsen-AnhaltTREND von Infratest dimap kommt sie auf 42 Prozent, die CDU auf 22 Prozent und die Grünen auf sechs Prozent. Auch die Forschungsgruppe Wahlen sieht die AfD mit 40 Prozent klar vorne und die Grünen bei sechs Prozent.

Für die Grünen geht es damit nicht nur um die persönliche Vergangenheit eines Parteimitarbeiters. Die Partei muss vielmehr um den Wiedereinzug in den Landtag kämpfen, während die AfD auf ein historisch starkes Ergebnis zusteuert.

Sziborra-Seidlitz selbst will daraus offenbar eine andere Lehre ziehen: Nicht jede frühere politische Verirrung müsse ein lebenslanges Etikett bedeuten. Ihr Ehemann habe sich verändert. Und genau diese Botschaft stellt die Grünen-Spitzenkandidatin nun, ausgerechnet wenige Tage vor der Wahl, ins Zentrum ihrer Verteidigung.

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