Die Europäische Union importiert kurz vor dem beschlossenen Ausstieg noch einmal mehr russisches Flüssiggas.
Teurer Abschied von Russland: Europas Gas kommt zunehmend aus Amerika
Nach Berechnungen des Centre for Research on Energy and Clean Air, kurz CREA, lagen die russischen LNG-Lieferungen in die EU im Juni 2026 um 14 Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats. Gegenüber Mai gingen sie allerdings um fünf Prozent zurück.
Während Frankreich, Belgien und Spanien weiterhin russisches Flüssiggas übernehmen, erhält Österreich seit Anfang 2025 kein russisches Pipelinegas mehr über die Ukraine.
Unklare Gasherkunft
Das bedeutet jedoch nicht, dass sich bei Gaslieferungen über Deutschland oder Italien die Herkunft jedes einzelnen Kubikmeters eindeutig bestimmen lässt. Im europäischen Leitungsnetz werden unterschiedliche Gasquellen vermischt. Statistisch sicher erfasst werden daher vor allem Lieferweg, Grenzübergabepunkt und Vertragspartner – nicht immer aber die ursprüngliche Förderstätte.
Österreich verlor seinen wichtigsten Lieferweg
Bis Ende 2024 gehörte Österreich zu den Ländern, die am meisten Gas aus Russland nützten und damit eine günstige Energieversorgung vorweisen konnte.
CREA bezifferte den Wert des im November 2024 direkt nach Österreich gelieferten russischen Pipelinegases noch mit 187 Millionen Euro. Mehr als die Hälfte der russischen Gasimporte der Slowakei wurde damals nach Angaben der Organisation nach Österreich weitergeleitet.
OMV beendete Zusammenarbeit
Mit dem Auslaufen des ukrainisch-russischen Transitvertrags am 31. Dezember 2024 endete dieser Lieferweg. Kurz zuvor war auch der langfristige Vertrag zwischen OMV und Gazprom beendet worden, der ursprünglich bis 2040 laufen sollte.
Damit hat Österreich nicht nur einen Lieferanten, sondern eine jahrzehntelang aufgebaute Versorgungsstruktur verloren. Russisches Gas gelangte ohne Verflüssigung und Seetransport über die Ukraine, die Slowakei und den Knoten Baumgarten nach Österreich.
Neue, längere Beschaffungswege
Die neuen Bezugswege sind länger und technisch aufwendiger – und viel, viel teurer.
Seither kommt mehr Gas über Deutschland und Italien ins Land. Dahinter stehen vor allem norwegisches Pipelinegas, amerikanisches LNG sowie Lieferungen aus Nordafrika und teilweise aus Aserbaidschan. Seit Jänner 2026 erhält Österreich über den südlichen Gaskorridor außerdem erstmals direkt Gas des aserbaidschanischen Staatskonzerns SOCAR.
Österreich verfügt über genügend Importkapazitäten
Nach Angaben des österreichischen Energieministeriums können über Deutschland und Italien derzeit jährlich bis zu 185 Terawattstunden in das Marktgebiet Ost eingeführt werden. Das ist deutlich mehr als der österreichische Jahresverbrauch, der 2023 und 2024 jeweils bei rund 75 Terawattstunden lag.
Mit dem ersten Ausbauabschnitt der West-Austria-Gasleitung, dem sogenannten WAG-Loop, soll die Importkapazität ab 2027 auf 212 Terawattstunden steigen. Für das Projekt sind Gesamtkosten von rund 200 Millionen Euro veranschlagt. Der Bund unterstützt es mit 70 Millionen Euro.
Hohe Speicherkapazitäten
Auch die Speicher bieten einen beträchtlichen Puffer. Österreich kann rund 101,6 Terawattstunden Gas einlagern – mehr als im Land innerhalb eines Jahres verbraucht wird. Die staatliche strategische Reserve umfasst 20 Terawattstunden. Anfang August 2026 waren nach Angaben der E-Control 61,3 Terawattstunden beziehungsweise 61,1 Prozent der Speicherkapazität gefüllt.
Die E-Control hält die Versorgung Österreichs für den Winter 2026/27 bei unveränderten Importbedingungen und funktionierender Infrastruktur für gesichert. Versorgungssicherheit ist allerdings nicht mit niedrigen Preisen gleichzusetzen.
Vom Pipelinegas zum Flüssiggas
Vor dem Ukraine-Krieg kamen zeitweise rund 45 Prozent der EU-Gasimporte aus Russland. 2025 waren es noch etwa zwölf bis 13 Prozent. Die absolute Menge russischen Gases sank nach Angaben der EU-Kommission von 152 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2021 auf rund 35 bis 36 Milliarden Kubikmeter 2025.
Ersetzt wurde das russische Pipelinegas vor allem durch geringeren Verbrauch, zusätzliche Lieferungen aus Norwegen und massiv steigende LNG-Einfuhren. LNG machte 2025 bereits 47 Prozent der Gasversorgung der Europäischen Union aus.
Profiteure der neuen Energiepolitik: USA
Davon lieferten die Vereinigten Staaten rund 84 Milliarden Kubikmeter. Das entsprach 58 Prozent sämtlicher LNG-Einfuhren und bereits ungefähr einem Viertel des gesamten EU-Gasverbrauchs. Das Institut IEEFA erwartet, dass 2026 rund zwei Drittel der europäischen LNG-Importe aus den USA stammen werden. Bis 2028 könnte der amerikanische Anteil sogar 80 Prozent erreichen.
Europa beseitigt damit eine Abhängigkeit – baut zugleich aber eine neue und viel teurere auf.
Warum amerikanisches LNG mehr kostet
Russisches Pipelinegas konnte nach der Förderung verdichtet und durch bestehende Leitungen nach Mitteleuropa transportiert werden. LNG muss dagegen in mehreren energie- und kostenintensiven Schritten verarbeitet werden.
Das Erdgas wird gereinigt und auf ungefähr minus 162 Grad abgekühlt. Das verflüssigte Gas wird in Spezialtankern über den Atlantik transportiert und in europäischen Terminals wieder in den gasförmigen Zustand gebracht. Anschließend muss es über das europäische Leitungsnetz nach Österreich gelangen.
52 Prozent teurer
Zu Förder- und Transportkosten kommen Terminalgebühren, Energieverluste, Versicherungen und die Kosten der Weiterleitung hinzu. Eine Bruegel-Analyse kam deshalb zum Ergebnis, dass amerikanische LNG-Lieferungen je Energieeinheit rund 52 Prozent teurer sein können als die durchschnittlichen Gasimporte Europas.
Der tatsächliche Preis hängt von Verträgen, Transportkosten, Auslastung der Terminals, Wechselkursen und der weltweiten Nachfrage ab. Entscheidend ist: Die EU kauft nicht mehr überwiegend über langfristige Pipelineverträge, sondern muss einen größeren Teil ihres Bedarfs auf einem globalen LNG-Markt decken.
Europa muss mit Asien um Tankerladungen bieten
LNG-Tanker können dorthin fahren, wo der höchste Preis bezahlt wird. Benötigen Japan, China oder Südkorea kurzfristig mehr Gas, müssen europäische Käufer ihre Angebote erhöhen, damit die Ladungen europäische Häfen anlaufen.
Ein hochspekulatives Geschäft.
Preise bleiben weit über dem früheren Niveau
Vor der neuen Energiepolitik kostete Erdgas am europäischen Großhandelsmarkt zeitweise rund 20 bis 30 Euro je Megawattstunde. Im Krisenjahr 2022 schoss der Preis kurzzeitig über 300 Euro.
Danach beruhigte sich der Markt, kehrte aber nicht dauerhaft zum früheren Niveau zurück. Ende Juli 2026 lag der europäische Gaspreis bei knapp 60 Euro je Megawattstunde und damit mindestens doppelt so hoch wie vor dem Krieg. Anfang August wurden noch etwa 53 Euro verlangt.
Die Zeche zahlen die Bürger mit Wohlstandsverlust
Das spürt jeder österreichische Haushalt. Nach vorläufigen Zahlen der Statistik Austria kostete Erdgas für private Verbraucher 2025 durchschnittlich 12,6 Cent je Kilowattstunde, 2021 waren es dagegen nur 8,19 Cent je Kilowattstunde – knapp 54 Prozent mehr!
Hohe Gaspreise wirken zudem auf den Strompreis. Weil Gaskraftwerke in Stunden mit hohem Verbrauch häufig das letzte noch benötigte Kraftwerk darstellen, bestimmen ihre Erzeugungskosten vielfach den Großhandelspreis für Strom mit.
Keine guten Aussichten
Analysten rechnen für den Winter 2026/27 im günstigeren Fall mit Gaspreisen von 60 bis 80 Euro je Megawattstunde.
Bleiben Lieferungen aus Katar aus und fällt der Winter kälter als üblich aus, könnte der Durchschnittspreis zeitweise auf 110 Euro steigen. In einem extremen Szenario mit besonders hohen Speicheranforderungen wären sogar Werte bis zu 210 Euro möglich.
