Warum stehen die meisten Länder in Europa vor einem finanziellen Ruin? Der spanische Ökonom Luis Garicano Gabilondo glaubt den Grund dafür zu kennen.
Gabilondo, der von 2019 bis 2022 Mitglied des Europäischen Parlaments war und dort der Fraktion Renew Europe angehörte, sagt:
Der größte – und zugleich dümmste – Mythos in der europäischen Politik, der besonders in Frankreich verbreitet ist, besagt, dass Europa unter den Folgen von „Sparpolitik“ (Austerität) und „Neoliberalismus“ leide.
Mehrheit der Wähler ist Nettoempfänger staatlicher Leistungen
Die Wahrheit sei, dass in den fünf größten europäischen Ländern mehr als die Hälfte der Bevölkerung ihr Einkommen vom Staat beziehen würden. Genau das mache es so unmöglich, den Sozialstaat zurückzufahren. Denn:
Mehr als die Hälfte der Wähler sind Nettoempfänger staatlicher Leistungen.
- Frankreich: 30 Millionen Menschen beziehen ihr Einkommen vom Staat, gegenüber 21 Millionen Beschäftigten im Privatsektor. Die Staatsausgaben machen 57 Prozent des BIP aus, die Steuerlast entspricht mehr als der Hälfte der Wirtschaftsleistung. Der Haushalt war zu Lebzeiten der meisten Franzosen (seit 1974) nicht mehr ausgeglichen.
- Deutschland: 35 Millionen Erwachsene beziehen ihr Einkommen vom Staat, gegenüber 34 Millionen im Privatsektor. 10 Prozent der Bevölkerung sind als schwerbehindert registriert. Die öffentlichen Ausgaben liegen bei über der Hälfte des BIP. Deutschland verzeichnet seit 2019 durchgehend ein Haushaltsdefizit.
- Italien: 23 Millionen Menschen beziehen ihr Einkommen vom Staat, gegenüber 20,5 Millionen Beschäftigten im Privatsektor. Die öffentlichen Ausgaben machen 51 Prozent des BIP aus. Italien weist seit 1925 – also seit 100 Jahren – jedes Jahr ein Haushaltsdefizit auf.
- Spanien: Seit 2024 beziehen mehr Menschen ihr Einkommen vom Staat – 18,21 Millionen aus dem öffentlichen Sektor gegenüber 17,9 Millionen Beschäftigten im Privatsektor. Zudem gibt es in Spanien seit 2025 erstmals in der Geschichte mehr Staatsbedienstete als Selbstständige (autónomos). Die Staatsausgaben liegen bei 45 Prozent; der Haushalt war seit 2007 nicht mehr ausgeglichen.
- Vereinigtes Königreich: 54 Prozent der Haushalte erhalten inzwischen mehr an staatlichen Leistungen, als sie an Steuern zahlen. Die Staatsausgaben belaufen sich auf 44,5 Prozent des BIP, die Steuerquote (40 Prozent) ist so hoch wie seit 1950 nicht mehr, der Haushalt ist seit 2001 nicht mehr ausgeglichen, und jedes fünfte neue Auto wird vom Staat über ein kurioses staatliches Programm für Menschen mit Behinderungen („Motability“) finanziert.