Christoph Wiederkehr

Christoph Wiederkehr (Neos) verteidigt seine Pläne für eine sechsjährige Volksschule und sieht blass dabei aus.

11. Mai 2026 / 09:00 Uhr

Wiederkehrs Schulpläne von vielen Seiten unter Druck: Sogar Koalitionspartner führt ihn vor

Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) rechtfertigt seine angedachte Verlängerung der Volksschule auf sechs Jahre mit internationaler Evidenz und mehr „Chancengerechtigkeit und besserer Leistung“. Dabei verweist er auf die Schweiz als Vorbild.

Deckmantel für Gesamtschule

Doch schnell wurde sein schulpolitischer Wurf zum Bumerang. FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl bezeichnete die Pläne des Ministers als „planloses Experimentier-Chaos auf dem Rücken von Schülern, Eltern und Lehrern“:


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Unter dem Deckmantel von “Chancengerechtigkeit” und “Modernisierung” verbirgt sich nichts anderes als der altbekannte, gescheiterte Traum der Linken von der Gesamtschule.

Gleichmacherei hilft niemandem

Der sogenannte „Plan Zukunft“ sei „in Wahrheit ein Plan zur Zerstörung unseres differenzierten Schulsystems“. Hier werde „ideologische Gleichmacherei über die individuelle Förderung von Talenten und Begabungen gestellt“.

Aber auch minder begabte und wenig engagierte Schüler haben davon nichts, wenn sie von den leistungsstarken Mitschülern ständig vorgeführt werden. Brückl spricht von einem „Anschlag auf das Leistungsprinzip und die Wahlfreiheit der Eltern“.

Viele offene Fragen zur Umsetzung

Die Freiheitlichen werfen Wiederkehr vor, zwar von Pilotprojekten zu sprechen, zentrale praktische Fragen aber offenzulassen. Brückl fragt: „Wie soll das in der Praxis funktionieren, wenn Lehrer aus unterschiedlichen Schultypen mit verschiedenen Gehaltsschemata und Ausbildungen plötzlich gemeinsam unterrichten sollen? Woher kommen die Lehrkräfte für sechs Jahre Volksschule? Wer entwickelt die neuen Lehrpläne für die 5. und 6. Schulstufe?“

„Keine verantwortungsvolle Bildungspolitik“

Für den FPÖ-Bildungssprecher ist das kein Reformkonzept, sondern „Chaos pur“. Die Regierung wolle „auf dem Rücken unserer Kinder unausgegorene Experimente ausprobieren, deren Ausgang völlig ungewiss ist“. Das sei „keine verantwortungsvolle Bildungspolitik, sondern blanker, links-liberaler Aktionismus“.

Pinke Realitätsverweigerung

Auch das Argument, Talente könnten innerhalb einer gemeinsamen Schule durch „Binnendifferenzierung“ ausreichend gefördert werden, weist Brückl entschieden zurück. Er nennt diese Behauptung eine „glatte Lüge und Realitätsverweigerung“.

In der Praxis führe eine solche Entwicklung „unweigerlich zu einer Nivellierung nach unten“, bei der insbesondere leistungsstarke Schüler auf der Strecke blieben. „Das Gymnasium als Ort der Exzellenzförderung wird damit massiv geschwächt und langfristig zerstört“, so Brückl. Ziel müsse ein Bildungssystem sein, „das Talente fördert, anstatt sie in einem Einheitsbrei untergehen zu lassen“.

Kritik auch an geplanten Fächerzusammenlegungen

Brückl kritisiert nicht nur die sechsjährige Volksschule, sondern auch weitere Überlegungen im Bildungsbereich.

Denn Wiederkehr möchte die Fächer Biologie, Chemie und Physik in ein gemeinsames Fach zusammenlegen. Das zeuge, so Brückl, „nicht nur von naturwissenschaftlicher Unkenntnis, sondern vielmehr von Ignoranz gegenüber unserer Bildung und Kultur“.

Rosa Elefant im Raum

Aus Sicht der FPÖ liegen die eigentlichen Probleme des Schulsystems an anderer Stelle: Einwanderung, Lehrermangel, marode Schulgebäude, mangelnde Deutschkenntnisse sowie Schwächen in den Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen.

„Statt unser Schulsystem mit teuren und sinnlosen Experimenten ins Chaos zu stürzen, sollte sich der Bildungsminister endlich um die echten Probleme kümmern“, erklärte Brückl.

ÖVP-Bildungssprecher: Wien taugt nicht als Vorbild

Aber auch vom eigenen Koalitionspartner kommt massive Kritik. ÖVP-Bildungssprecher Nico Marchetti warf SPÖ-Bildungssprecher Heinrich Himmer und Bildungsminister Wiederkehr vor, Probleme in den Schulen zu verharmlosen:

Mit Sozialromantik und Naivität löst man keine Probleme in der Schule.

Wenn Himmer so tue, „als gäbe es in Wiener Klassenzimmern keine massiven Integrationsherausforderungen“, verschließe er „die Augen vor der Lebensrealität tausender Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern“.

Parteipolitische Schmutzwäsche

Gemeinsames Lernen sei, so Marchetti, „kein Zauberwort, das fehlende Deutschkenntnisse, überforderte Standorte und mangelnde Ressourcen über Nacht verschwinden lässt“.

Besonders scharf kritisierte er Wiederkehrs Aussage, Niederösterreich sei ein „Zentrum der Reformverweigerung“. Angesichts der Wiener Bildungsbilanz sei das „geradezu grotesk“.

Glashaus und Steinewerfen

Marchetti verwies auf Wien, wo unter Wiederkehrs Verantwortung als Bildungsstadtrat „jedes dritte Kind die Volksschule ohne ausreichende Deutschkenntnisse verlässt“.

Mit einer solchen Bilanz auf andere Bundesländer „hinzuhauen“, die funktionierende Strukturen hätten, sei „unglaubwürdig und entbehrlich“.

Einwanderung als Hauptproblem

Zugleich stellte sich Marchetti hinter die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner. Diese habe mit ihrem Befund recht: „Die Volksschule ist nicht zu kurz, nur weil in Wien zu viele Migrantinnen und Migranten in der Volksschule sitzen.“

Die Volkspartei stehe für eine Bildungspolitik, „die Probleme benennt und löst, anstatt sie mit wolkigen Überschriften zuzudecken“.

Tirol warnt vor Platzproblemen und hohen Kosten

Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP), derzeit Vorsitzender der Landeshauptleutekonferenz, bezeichnete Wiederkehrs Vorhaben „allein aufgrund der Infrastruktur“ als „nicht stemmbar“. Wenn eine Gemeinde eine Volksschule errichte, die auf vier Jahrgänge ausgelegt sei, „haben nicht auf Anordnung sechs Jahrgänge Platz“.

Mattle warnte zudem davor, den Bildungsbereich „komplett auf den Kopf“ zu stellen. Reformen seien zwar notwendig, aber aus seiner Sicht inhaltlich und verwaltungstechnisch anzugehen.

Wiederkehr verteidigt Reformpläne

Wiederkehr hält dennoch an seiner Linie fest. Er verweist auf internationale Erfahrungen und argumentiert, eine sechsjährige Volksschule könne zu mehr „Chancengerechtigkeit und besserer Leistung“ führen. Aktuell werden Pilotvolksschulen gesucht, um das Modell zu erproben.


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