Bob De Brabandere von Vlaams Belang beim Interview in Straßburg. Er identifiziert sich mit der flämischen Geschichte und Kultur.

24. Juni 2026 / 11:31 Uhr

Kampf für Flanderns Unabhängigkeit: „Belgien ist ein künstliches Land, das nicht funktioniert“

Unzensuriert traf in Straßburg in Frankreich den belgischen Politiker Bob De Brabandere. Er ist Mitglied des Brüsseler Parlaments, Senator und Mitglied des Parteivorstands des Vlaams Belang und Mitglied der Fraktion der Europäischen Konservativen, Patrioten & Verbündeten (ECPA) im Europarat.

Unzensuriert: Sie leben in Brüssel, wie ist das tägliche Leben dort?

Brabandere: Ich lebe gerne in Brüssel und habe eine echte Bindung an diese Stadt. Aber ehrlich gesagt ist es schwer geworden, Brüssel in seiner Gesamtheit zu verteidigen. Es gibt diese großartige europäische Hauptstadt mit ihrem historischen Charme, dem pulsierenden Stadtleben, den großartigen Restaurants und dann gibt es die harte Realität auf der Straße. Die drei größten Probleme, mit denen Brüsseler täglich konfrontiert sind: Erstens die Vermüllung. Illegale Müllentsorgung ist in vielen Vierteln längst zur traurigen Normalität geworden. Zweitens die Sicherheitslage, Drogenkriege, Schießereien, Messerstechereien. Das ist keine Ausnahme mehr, das ist Alltag. Und drittens: die vollständige Entfremdung bestimmter Viertel. In manchen Teilen der Stadt glaubt man nicht mehr, in einer westeuropäischen Hauptstadt zu sein.


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Brüssel befindet sich im Dauerkrisenmodus und die politisch Verantwortlichen ziehen keine Konsequenzen.

Unzensuriert: Wie hoch ist der Anteil der Migranten in Brüssel?

Brabandere: Lassen Sie mich zunächst mit den gesamtbelgischen Zahlen beginnen. Zum 1. Januar 2026 hatten 63,4 Prozent der belgischen Bevölkerung einen belgischen Hintergrund, 22,8 Prozent waren Belgier mit ausländischem Hintergrund, und 13,8 Prozent hatten keine belgische Staatsangehörigkeit. In Brüssel ist die Situation dramatisch anders. Lediglich 22 Prozent der Brüsseler Bevölkerung haben einen belgischen Hintergrund, 78 Prozent haben ausländische Wurzeln. Rund 37 Prozent der Brüsseler sind nicht einmal belgische Staatsbürger. In manchen der 19 Brüsseler Gemeinden trifft man kaum noch Europäer auf der Straße. Man fühlt sich eher in Kabul als in Westeuropa.

Das sind keine Behauptungen, das sind amtliche Zahlen von Statbel und Statistiek Vlaanderen. Und diese Zahlen haben dramatische soziale Folgen: Schon 2017 stellte Armutsforscherin Bea Cantillon von der Universität Antwerpen fest, dass neun von zehn Empfängern des belgischen Lebensunterhalts in Brüssel ausländischer Herkunft sind. Brüssel ist heute die ärmste Region Belgiens, Ã¤rmer sogar als die Wallonie. Der Zusammenhang ist unübersehbar.

„Jeder kann Opfer einer verirrten Kugel werden!“

Unzensuriert: Wie schaut es mit der Kriminalität aus?

Brabandere: Brüssel ist heute gefährlicher als noch vor wenigen Jahren und schon damals war es kein Paradies. Im August 2025 erklärte der Brüsseler Staatsanwalt bei einer öffentlichen Pressekonferenz, dass jeder Brüsseler potenziell Opfer einer verirrten Kugel werden kann. Das ist eine unglaubliche Aussage und sie sagt alles über den Zustand dieser Stadt.

Die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2025 wurden in Brüssel 101 Schießereien registriert, mit acht Todesopfern und 43 Verletzten. Das entspricht fast zwei Schießereien pro Woche, ein neuer Rekord. Hinter dieser Gewalt stecken Drogenkriege zwischen rivalisierenden Banden, die sich Territorium und Absatzmärkte streitig machen.

Die Ursachen sind strukturell: Die Justiz ist chronisch unterfinanziert. Die Polizei fühlt sich im Stich gelassen. Unsere Gefängnisse sind buchstäblich überfüllt und viele Täter kommen viel zu früh wieder frei. Und dann ist da noch der Elefant im Raum, über den kaum jemand offen sprechen will: Ein erheblicher Teil der Kriminalität wird von Personen ohne legalen Aufenthaltsstatus begangen. Wer illegal im Land ist und Verbrechen begeht, muss sofort abgeschoben werden. Das ist keine Frage der politischen Meinung, das ist eine Grundbedingung öffentlicher Sicherheit.

“Jedes Volk hat das Recht, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen“

Unzensuriert: Was kann Vlams Belang tun, um für mehr Identität der Belgier zu sorgen?

Brabandere: Ich muss die Frage etwas korrigieren: Wir, das Vlaams Belang, kämpfen nicht für eine belgische Identität, weil eine solche als lebendige, gelebte Identität schlicht nicht existiert. Belgien ist ein künstlicher Staat, der 1830 aus politischen Gründen zusammengebastelt wurde. Flamen und Wallonen teilen keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Kultur, keine gemeinsame politische Vision.

Was wir verteidigen, ist die flämische Identität. Sie ist das gemeinschaftsbildende Element, das uns als Nation zusammenhält. Konkret bedeutet das: eine gemeinsame Sprache als Fundament, Respekt für unsere kulturellen Wurzeln, und klare Erwartungen an alle, die in unserer Gesellschaft leben wollen. Wir wollen das Flandern von morgen gemeinsam mit den Menschen aufbauen, die hier leben, mit Ausnahme von drei Gruppen: wer hier ist, um Verbrechen zu begehen, wer hier ist, um unser Sozialsystem auszunutzen, und wer einen extremen Islam praktiziert.

Das Ziel ist ein unabhängiges Flandern, das seine Identität selbst schützen und gestalten kann ohne von einem dysfunktionalen belgischen Staatsapparat gebremst zu werden.

Unzensuriert: Wie ist die Migranten-Situation in Flamen?

Brabandere: In Flandern hatten zum 1. Januar 2025 rund 28 Prozent der Bevölkerung einen ausländischen Hintergrund, das entspricht fast 1,93 Millionen Menschen, von insgesamt rund 6,86 Millionen Einwohnern. Davon haben etwa 40 Prozent Wurzeln in einem anderen EU-Land; die übrigen 60 Prozent kommen aus Nicht-EU-Ländern.

Was besonders besorgniserregend ist: Das Bevölkerungswachstum in Flandern ist ausschließlich auf Migration zurückzuführen. Im Jahr 2024 verzeichnete Flandern mehr Sterbefälle als Geburten, das natürliche Saldo war negativ. Die Bevölkerung wächst nur noch durch Zuwanderung. Diese demografische Realität lässt sich nicht wegdiskutieren.

Dazu kommt eine starke räumliche Konzentration: In 58 flämischen Gemeinden liegt der Anteil von Personen mit ausländischem Hintergrund bereits über 30 Prozent. Städte wie Genk, Antwerpen und Vilvoorde haben besonders hohe Anteile. Die Herausforderungen bei Integration, Spracherwerb und sozialem Zusammenhalt sind dort täglich spürbar. Für uns ist klar: Eine Einwanderungspolitik ohne Grenzen und ohne Erwartungen schadet langfristig allen, den Einheimischen und den Migranten selbst.

Unzensuriert: Sie sagen nie, dass Sie Belgier bist, sondern Flame, warum?

Brabandere: Weil es der Wahrheit entspricht. Ich bin Flame. Ich spreche Niederländisch, ich denke in einer flämischen Tradition, ich identifiziere mich mit einer flämischen Geschichte und Kultur. “Belgier” ist für mich eine administrative Kategorie: ein Eintrag im Pass. “Flame” ist meine Identität.

Belgien als Staat existiert, das bestreite ich nicht. Aber Belgien als Nation? Die gibt es nicht wirklich. Es gibt die Flamen und es gibt die Wallonen: zwei Gemeinschaften mit unterschiedlichen Sprachen, Mentalitäten, politischen Kulturen und wirtschaftlichen Realitäten. Was verbindet einen Flamen aus Antwerpen mit einem Wallonen aus Lüttich, außer einem gemeinsamen Pass und einem teuren föderalen Apparat? Nicht viel.

Belgien ist ein künstliches Land, das schlicht nicht funktioniert. Deshalb kämpfen wir für die flämische Unabhängigkeit, nicht aus Feindseligkeit gegenüber den Wallonen, sondern weil jedes Volk das Recht hat, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker und es gilt auch für uns.

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