Der Sudetendeutsche Tag fand 2026 erstmals in Tschechien statt. Statt der Gegner wurden die eigenen Leute mobilisiert.

25. Mai 2026 / 08:00 Uhr

Brünn statt Boykott: Sudetendeutscher Tag wurde zum Großereignis

Der 76. Sudetendeutsche Tag hat am gestrigen Sonntag im tschechischen Brünn seinen Höhepunkt erreicht – und wurde zur politischen Botschaft.

Ins schräge Licht gerückt

Denn wochenlang war im Vorfeld über den Austragungsort debattiert worden. Der Standard meinte, dass das „Treffen der Sudetendeutschen die tschechische Politik spalte“. Mahnend wurde der Sudetendeutsche Tag als Provokation, politischer Sprengstoff und Aufreißen alter Wunden dargestellt. Besser nicht teilnehmen.


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Schuss ins Knie

Doch genau das Gegenteil trat ein. Weder gab es die angekündigten Großdemonstrationen – lediglich ein paar Dutzend Personen standen mit selbst gemalten Schildern herum – noch gab es sonstige Probleme.

Die Bürgermeisterin von Brünn hielt bewegende Begrüßungsworte in der voll besetzten Messehalle, Grußbotschaften von nah und fern wurden verlesen, aus der angekündigten Spaltung wurde nicht einmal ein Haarriss.

Gedenken an Brünner Todesmarsch

Und das, obwohl wir Deutsche Brünn mit einer besonders schmerzhaften Geschichte verbinden müssen. Denn zu Pfingsten vor 81 Jahren wurden dort mindestens 27.000 Deutsche brutal aus ihren Häusern und Wohnungen geholt, gehetzt und hinausgetrieben.

Mindestens 5.200 Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder, kamen auf dem 60 Kilometer langen Weg nach Drasenhofen in Niederösterreich ums Leben.

Unvorstellbare Grausamkeit

Die Vertreibung erfolgte unter grausamsten Bedingungen. Die Marschierenden wurden auf dem Weg geschlagen, erhielten keine Nahrung, kein Wasser und waren der prallen Sonne ausgesetzt. Begleitet wurden sie von bewaffneten Einheiten, die mit brutaler Gewalt vorgingen. Viele wurden erschlagen, erschossen oder starben an Erschöpfung, Hunger und Durst. Frauen wurden vergewaltigt, Wertgegenstände geraubt, nur vereinzelt zeigten Wächter Mitgefühl.

In einem Massengrab bei Pohrlitz (Pohořelice) auf halbem Weg zwischen Brünn und der Grenze wurden an die 1.000 Opfer in einem Massengrab verscharrt.

Sterben ging in Österreich weiter

Die Grenze zum sowjetisch besetzten Österreich wurde erst nach einigem Zögern geöffnet, und die Einwohner von Drasenhofen nahmen die Überlebenden in Empfang.

Mehr als 1.000 starben noch nach der Ankunft an Erschöpfung und den Folgen der Strapazen, beerdigt in Massengräbern und auf Friedhöfen in Ostösterreich.

Nachkriegszeit und fehlende juristische Aufarbeitung

Die Überlebenden zerstreuten sich in verschiedene Regionen, vor allem nach Wien, Bayern und Baden-Württemberg. Eine juristische Aufarbeitung blieb aus. Die Beneš-Dekrete verhinderten jegliche Strafverfolgung und gelten in Tschechien bis heute.

Dennoch strebten die Vertriebenen Versöhnung an, wie in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950 formuliert wurde. Seit damals kommen sie und ihre Nachkommen jährlich zu Pfingsten zum Gedenken und zur Selbstvergewisserung zusammen.

Erstmals in der alten Heimat

2026 erhielt diese Tradition eine neue Bedeutung: Erstmals kamen die Sudetendeutschen nicht nur zusammen, um über ihre alte Heimat zu sprechen, sondern in dieser alten Heimat selbst.

Das Motto war zweisprachig gewählt: „Alles Leben ist Begegnung – Život je setkávání“. Damit wurde der Anspruch der Veranstaltung klar formuliert: Der Heimattag sollte als Angebot zum Gespräch zwischen Sudetendeutschen und Deutschen auf der einen und Tschechen auf der anderen Seite.

Gedenken an den Brünner Todesmarsch

Zur historischen Tiefe des Treffens gehörte auch der Versöhnungsmarsch, der am Tag davor stattfand.

Er wurde vor vielen Jahren von tschechischer Seite initiiert und bis heute organisiert. Wurden schon anlässlich des 80-jährigen Erinnerns an den Brünner Todesmarsch besonders viele Teilnehmer gezählt, verdoppelte sich die Schar der Wandernden gestern, am Pfingstsamstag, noch einmal.

Start am Massengrab in Pohrlitz

Treffpunkt war beim Massengrab in Pohrlitz, wo der Toten gedacht wurde. Der Versöhnungsmarsch führte dann nach Brünn – also symbolisch in umgekehrter Richtung des damaligen Leidenswegs.

Gerade diese Verbindung von Gedenken und Rückkehr machte den Heimattag in Brünn so bedeutsam. Er war nicht nur ein Kulturfest, sondern auch eine bewusste Auseinandersetzung mit einer Geschichte, die lange in der tschechischen Republik verdrängt oder politisch gegen die Deutschen instrumentalisiert wurde.

Kultur, Diskussion und Hauptkundgebung

Das Programm des Heimattags war breit angelegt. Es umfasste Vorträge, Filmvorführungen, Buchvorstellungen, Diskussionsrunden, kulturelle Veranstaltungen sowie Musik- und Tanzprogramme.

Am Pfingstsonntag stand die Hauptkundgebung auf dem Messegelände im Mittelpunkt. Dort sprachen unter anderem der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe in der Bundesrepublik, Bernd Posselt, und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (beide CSU), die die Veranstaltung inhaltlich auch im Sinne der Unionsparteien prägten. Also viel über Ukraine, „unsere Demokratie“ und „europäische Werte“ referierten.

Söder spricht wieder übers Essen

Söder, der auch bei dieser Rede auf das Thema der Kulinarik einging, wertete das Treffen als historischen Schritt. Er sprach von einem „großen Friedensfest“ und bezeichnete den Sudetendeutschen Tag in Brünn als historisches Signal. Die Sudetendeutschen seien, so Söder, „absolute Brückenbauer“.

Tschechische Unterstützung statt geschlossener Ablehnung

Zwar blieb die tschechische Regierung offiziell auf Distanz. Auch das tschechische Abgeordnetenhaus hatte sich mehrheitlich gegen Tschechien als Austragungsort ausgesprochen. In politischen Kreisen wurde argumentiert, eine solche Veranstaltung könne Probleme schaffen.

Denn jahrzehntelang war der Mantel des Schweigens über die damaligen Verbrechen gelegt worden. Bis heute, auch in den Kernländern Österreich und Bundesrepublik, wird jedes Verbrechen an Deutschen mit dem Nationalsozialismus relativiert, verharmlost, ja gerechtfertigt. Doch die junge Generation, sowohl diesseits als auch jenseits der Thaya und der böhmischen Gebirge, ist damit viel weniger zu fangen.

Einladung aus Brünn

Die Wahrheit bricht sich also Bahn. Denn immerhin wurden die Sudetendeutschen von der Vereinigung Meeting Brno eingeladen. Sie unterstützte die Durchführung des Heimattags ausdrücklich und stellte das Treffen in eine längere Entwicklung der tschechisch-sudetendeutschen Versöhnungsarbeit.

Ziel sei es, gerade dort, wo sich die gemeinsame Geschichte ereignet habe, einen würdigen Rahmen für Dialog zu schaffen. Wohlbemerkt geht diese Initiative von tschechischer Seite aus.

Nur noch wenige Deutsche

Deutsches Leben – immerhin 3,3 Millionen von 14,7 Millionen Einwohnern – wurde grausam ausgerottet.

Nur vereinzelt überlebten manche oder wurden, weil etwa als Bergbauingenieur benötigt, im Land gehalten. Auch Richard Neugebauer, Vorsitzender der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien, ist ein Nachkomme solcher Verbliebener. Er betonte die Bedeutung des Heimattags als Ort der Verständigung:

Wir möchten Brücken bauen, keine Gräben.

Die Proteste blieben klein

Daran hat offenbar auch die große Mehrheit der Tschechen Interesse. Denn die angekündigte Gegendemonstration war eine politische Blamage.

Nicht so seine Mobilisierungskraft. Denn am heurigen Sudetendeutschen Tag nahmen besonders viele und besonders viele Junge Menschen teil. Der Heimattag kann die Geschichte nicht ungeschehen machen, aber er kann dem Leid der Unschuldigen von damals eine würdige Erinnerung geben.


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