Brüssel wird von Bandenkriminalität heimgesucht. Sie ist kein Problem, das von Flamen oder Wallonen verursacht wurde.

29. August 2026 / 07:38 Uhr

Brüssel versinkt in Bandenkriminalität: „Jeder kann von einer Kugel getroffen werden“

Der Brüsseler Staatsanwalt Julien Moinil hat angesichts der eskalierenden Schusswaffengewalt Alarm geschlagen.

Bereits 171 Schießereien seit Anfang 2025

Allein 2025 wurden in der belgischen Hauptstadt 102 Schießereien registriert. Seit Jahresbeginn kamen bereits weitere 69 hinzu. Damit ereigneten sich innerhalb von weniger als zwei Jahren 171 Schusswaffenvorfälle.

Im laufenden Jahr kamen mindestens zwei Menschen ums Leben. Bis Ende Juli waren außerdem 21 Verletzte gezählt worden. Im gesamten Jahr 2025 hatten die bewaffneten Auseinandersetzungen acht Tote und 43 Verletzte gefordert.

Gefahr für jeden Bürger

Bei einer Pressekonferenz am Freitag warnte Moinil:

Ich bin ein Staatsanwalt, der sich um die Bürger sorgt. Jeder Bürger kann eine Kugel abbekommen, das ist die Wahrheit.

Im April wurde in Saint-Josse-ten-Noode ein unbeteiligter Familienvater von einer Kugel getroffen. Er wird nach Angaben des Staatsanwalts für den Rest seines Lebens gelähmt bleiben. Ende Juli erlitt ein 20-Jähriger einen Schuss in den Oberkörper.

Zwei Drogenorganisationen kämpfen um ihr Geschäft

Hinter der jüngsten Serie vermuten die Ermittler einen Konflikt zwischen zwei kriminellen Organisationen. „Es scheint, dass diese Gewaltwelle, insbesondere jene in Saint-Gilles und Forest, auf einen Konflikt zwischen zwei Strukturen, zwei kriminellen Organisationen, die am Verkauf von Drogen beteiligt sind, zurückzuführen ist“, erklärte Moinil.

Seit dem 20. August wurden innerhalb weniger Tage sechs Schießereien in Anderlecht, Saint-Gilles und Molenbeek verzeichnet. Bei einem der Angriffe geriet sogar eine Polizeiwache unter Beschuss. Drei Verdächtige wurden festgenommen, mehrere Waffen sichergestellt.

Sicherheitslage wird nicht besser

Moinil machte allerdings deutlich, dass trotz der Ermittlungen nicht mit einer schnellen Beruhigung zu rechnen sei. Auf die Frage, ob die Gewalt abnehmen werde, antwortete er mit einem klaren Nein. Weitere Schießereien seien ebenso wahrscheinlich wie eine erneute Gefährdung unbeteiligter Bürger.

Internationale Netzwerke steuern den Drogenkrieg

Die Auseinandersetzungen sind nach den Angaben des Staatsanwalts kein Problem von Flamen oder Wallonen, sondern ein importiertes, das im Schlepptau der Einwanderung entstand. Führende Köpfe der Drogennetzwerke halten sich im Ausland auf und erteilten von dort ihre Befehle, während ihre ausführenden Organe in Europa bereits Fuß gefasst haben.

Moinil nannte dabei ausdrücklich Marokko und Thailand.

Trotz Ausreiseanordnungen weiter im Land

Besonders scharf kritisierte Moinil den Umgang mit ausländischen Straftätern ohne Aufenthaltsrecht. In einem aktuellen Verfahren seien 20 Personen wegen Drogenhandels festgenommen und der belgischen Ausländerbehörde übergeben worden. Diese habe sämtliche Betroffenen wieder freigelassen:

Jemand, der keinen Aufenthaltstitel hat und Kokain verkauft, muss das Land verlassen.

Nach seinen Angaben gibt es Täter, gegen die bereits fünf oder sogar zehn Anordnungen zum Verlassen des Landes vorliegen, die sich aber weiterhin in Belgien aufhalten.

Französische Minderjährige als angeworbene Schützen

Dabei setzen die ausländischen Kriminellen zunehmend auf Minderjährige. Jugendliche würden über soziale Netzwerke angeworben und für kriminelle Aufgaben eingesetzt, die auch aus Frankreich angeworben werden.

Die Banden machten sich dabei Schwächen im belgischen Jugendstraf- und Betreuungssystem zunutze. Schon für belgische Jugendliche gebe es zu wenige Plätze in den geschlossenen Jugendeinrichtungen. Bei aus Frankreich angeworbenen Minderjährigen sei eine nachhaltige Betreuung noch schwieriger.

Bandenchefs erteilen Befehle sogar aus Gefängnissen

Mehr als 90 Prozent der bislang aufgegriffenen Schützen hätten Moinil zufolge bereits zuvor eine Jugendakte gehabt. Gegenwärtig warteten etwa 150 Minderjährige auf einen Platz in einer entsprechenden Einrichtung.

Das Problem endet nicht mit einer Verurteilung. Moinil zufolge führen einige Bandenmitglieder ihre kriminellen Geschäfte selbst aus dem Gefängnis fort. Mobiltelefone ermöglichten es ihnen, Aufträge zu erteilen und Gewalttaten zu organisieren.

Mord für ein paar tausend Euro

„Diese Menschen sind gefährlich, skrupellos und bereit, für einige tausend Euro den Tod eines Menschen in Auftrag zu geben“, warnte der Staatsanwalt. Er verlangt daher Mobilfunkstörsender in besonders gefährdeten Gefängnisabteilungen. Entscheidend sei nicht allein, das Einschmuggeln von Mobiltelefonen zu verhindern, sondern deren Verwendung innerhalb der Gefängnisse technisch unmöglich zu machen. Moinil weiter:

Die Sicherung der Gefängnisse ist keine Bitte, sondern eine Forderung. Das Gefängnis schreckt nicht mehr ab.

Mehr als 100 mutmaßliche Schützen inhaftiert

Der Staatsanwalt wies den Eindruck zurück, die Behörden würden nach den Schießereien untätig bleiben. Seit seinem Amtsantritt seien mehr als 100 mutmaßliche Schützen inhaftiert worden. Jeder einzelne Schusswaffenfall werde untersucht.

Staatsanwaltschaft fehlen Personal und Millionen

Zwar fordert Moinil die konsequente Abschiebung ausländischer Dealer ohne Aufenthaltsgenehmigung, doch an das Kardinalproblem, die Einwanderung von außerhalb Europas, wagt er sich nicht heran. Stattdessen fordert er Geld: zehn Millionen Euro zusätzlich für seine Behörde.

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