Die Parteistrategen der ÖVP hatten es sich so schön ausgemalt: Für den in der Umfrage-Krise befindlichen Kanzler Christian Stocker sollte eine Sommertour für Aufschwung sorgen. Nur mit ausgewählten Gästen, auf Kosten der Steuerzahler und mit prominenten ORF-Gesichtern als Moderatorinnen. Doch dann machte ausgerechnet ein ÖVP-Parteifreund einen Strich durch die Rechnung.Â
Stocker in Erklärungsnot
Der Chef der Wiener Wirtschaftskammer, Walter Ruck, brachte Stocker mit Protokollen, die dem profil und der Kronen Zeitung zugespielt wurden, nach der Postenschacher-Affäre um seinen Ex-Klubobmann August Wöginger erneut in Bedrängnis und in Erklärungsnot. Die Krone forderte den Regierungschef auf, endlich sein Schweigen zu beenden und Stellung zu beziehen. Das tat er dann, spät, aber doch, und alles andere, als energisch: Er verlangte Aufklärung.Â
Vom Kavierfrühstück kommend
Mit der nächsten Affäre eines ÖVP-Funktionärs kamen aber auch ungustiöse Details in die Öffentlichkeit, die für den angeschlagene Kanzler („Ich könnte in Pension gehen“, so Stocker auf seiner Sommertour) auch nicht gerade einen Turbo für seine politische Tätigkeit bedeuten.
profil und Krone veröffentlichten gestern, Montag, noch weitere Passagen aus den vertraulichen Gesprächsprotokollen. Darin soll sich Ruck über Industrievertreter und Politiker geäußert haben, etwa über den Industriellen und Chef der Bundessparte Industrie in der WKO, Sigfried Menz, „und diese ganzen degenerierten Oberösterreicher“. Diese seien „dort gesessen und haben gescheit dahergeredet, vom Kaviarfrühstück kommend“, in Richtung „Sektbrunch“ übergehend.
Obersachbearbeiter der Regierung
Ruck soll sich zudem abschätzig über seinen ÖVP-Parteikollegen und Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer geäußert haben. Dieser müsse „aus der Rolle rauskommen, dass er sagt: Ich bin so der Obersachbearbeiter dieser Regierung“, zitierte die Krone. „Der Hattmannsdorfer ist so ein Typ, der ist Sachbearbeiter und Vorstandsassistent. Der kommt zu dir rein mit 300 Seiten, die er auswendig gestrebert hat, und will dir in zwei Minuten alle 300 Seiten erzählen“, schrieb profil.
Bestätigt wurden die Aussagen von Ruck noch nicht. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Übles Polit-Sittenbild
Nichtsdestotrotz kommt Krone-Chefredakteur Klaus Herrmann zum Schluss, dass mit der Affäre um den WKO-Chef „ein übles Polit-Sittenbild ins Scheinwerferlicht“ rückt. In der ÖVP werde auch nach der Verurteilung von August Wöginger über Postenbesetzungen gemauschelt.
