Fünfeinhalb Monate vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September 2026 hat sich die evangelische Nordkirche mit ungewöhnlicher Schärfe positioniert. Bischof Tilman Jeremias im Sprengel Mecklenburg und Pommern warnte in einem ausführlichen Osterinterview mit dem Nordkurier: Eine mögliche AfD-Regierung in Schwerin wäre „kein Spaß“ für die Kirchen. Die Nordkirche bereite sich bereits auf Szenarien vor, in denen eine neue Landesregierung Staatsleistungen streicht oder den Einzug der Kirchensteuer über die Finanzämter stoppt.
Universalismus als Rechtfertigung
Jeremias begründet seine Haltung theologisch:
Für uns als Christen ist es wesentlich, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes sind. Die Bibel berichtet sogar, dass sie Ebenbilder Gottes sind. Dann haben gebürtige Deutsche keinen höheren Wert als zum Beispiel Menschen, die zugewandert sind.
Wer das Gegenteil behaupte, begebe sich auf Terrain, das mit dem christlichen Glauben und der Lehre der evangelischen Kirche nicht vereinbar sei. Die AfD-Positionen zum Umbau des Sozialsystems, die Menschen mit Zuwanderungsgeschichte benachteiligten, stünden im Widerspruch zum christlichen Menschenbild. Als weiteres Beispiel für die vermeintlich antichristliche Haltung nannte er das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt, das sich massiv gegen die Kirchen richten würde.
Politische Einmischung trotz Trennung von Staat und Kirche
Jeremias beteuert nichtdestotrotz, keine Parteipolitik zu machen:
Als Kirche machen wir keine Parteipolitik. Wenn wir uns politisch äußern, berufen wir uns immer auf unseren christlichen Glauben
Gleichzeitig sucht sie den Dialog mit AfD-Wählern über sogenannte „Verständigungsorte“ – neutrale Gesprächsrunden, in denen keine Menschenverachtung stattfinden soll. Der AfD-Landtagsabgeordnete Horst Förster, rechtspolitischer Sprecher der Fraktion, sieht darin jedoch klare Wahlkampf-Manöver.
Es geht dem Bischof allein darum, die AfD mit dem moralischen Gewicht seines Amtes als unwählbar hinzustellen.
Die aktuelle Lage spitzt die Debatte zu. Umfragen sehen die AfD in Mecklenburg-Vorpommern deutlich über 30 Prozent und damit vor allen anderen Parteien. Der Landesverband gilt im Vergleich zu anderen ostdeutschen Verbänden als gemäßigt und ist nicht als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft. Dennoch bereitet sich die Nordkirche juristisch und organisatorisch auf eine AfD-geführte Regierung vor.
Mitgliederschwund als stumme Anklage
Während die Kirche mit dem moralischen Zeigefinger gegen die AfD ausholt, setzt sich der eigene demografische Absturz ungebremst fort. Ende 2025 gehörten der Evangelischen Kirche in Deutschland bundesweit nur noch 17,4 Millionen Menschen an, ein Rückgang um 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Nordkirche, zu der auch Mecklenburg-Vorpommern zählt, sank die Zahl der Mitglieder im Land auf 192.013, ein Minus von 6.889 im Vergleich zu 2024. Hauptgründe sind Sterbefälle älterer Mitglieder und anhaltend hohe Austritte bei gleichzeitig schwachen Tauf- und Aufnahmezahlen.


