ORF-Generaldirektor Roland Weißmann ist zurückgetreten. Das teilte der Stiftungsrat, das Kontrollgremium des ORF, am heutigen Montagvormittag mit. In den vergangenen Tagen habe eine ORF-Mitarbeiterin gegenüber dem Generaldirektor Vorwürfe der sexuellen Belästigung aus dem Jahr 2022 erhoben. Weißmann bestreitet diese Anschuldigungen, sein Anwalt spricht von einer „überschießenden Reaktion“. Die FPÖ sieht im Weißmann-Rücktritt eine Chance für den Staatssender.
Thurnher übernimmt interimistisch
Die amtierende Hörfunkdirektorin Ingrid Thurnher übernimmt interimistisch die Führung des ORF. In einer Aussendung erklärte der Stiftungsratsvorsitzende Heinz Lederer, der im Raum stehende Vorwurf verlange eine transparente und konsequente Aufklärung, der Schutz der betroffenen Person müsse oberstes Ziel sein. Lederer und sein Stellvertreter Gregor Schütze dankten Weißmann zugleich für seine Verdienste und seine 30-jährige Tätigkeit im ORF.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere InformationenLederer betonte, es sei „die Verantwortung des ORF-Stiftungsrats, nun rasch die nötigen Schritte zu setzen, damit die erhobenen Vorwürfe transparent und mit aller Konsequenz aufgeklärt werden können“. Der Vizevorsitzende Schütze ergänzte, der Stiftungsrat zeige mit der „entschiedenen Vorgangsweise“, dass er auch „in schwierigen Momenten eine ruhige Hand bewahrt“. Beide zeigten sich überzeugt, dass mit Thurnher die „gute Fortführung der Geschäfte gesichert“ sei.
Anwalt kritisiert Vorgehensweise
Laut Weißmanns Anwalt Oliver Scherbaum sei sein Mandant „vom Stiftungsrat darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass ihm von einer Mitarbeiterin unangemessenes Verhalten zu Beginn seiner Amtszeit als Generaldirektor (2022) vorgeworfen wird“. Ihm sei jedoch „eine Frist von wenigen Tagen eingeräumt worden, um seinen Rücktritt zu erklären, obwohl mein Mandant die Vorwürfe bestritten hat und eine inhaltliche Überprüfung der Vorwürfe nicht erfolgte“. Scherbaum weiter: Diese Vorgehensweise, wie auch die Wiedergabe der Vorwürfe durch Dritte, verletzten massiv die Persönlichkeitsrechte seines Mandanten.
Weißmann sei „um Schaden vom Unternehmen abzuwenden, zu weitreichenden Zugeständnissen bereit“ gewesen und sei daher „am Sonntag, dem 8. März 2026, um 11.45 Uhr mit sofortiger Wirkung von seiner Funktion als Generaldirektor zurückgetreten“.
Direktorenwahl weiterhin im August
Die Wahl des neuen ORF-Generaldirektors soll laut Stiftungsrat dennoch wie geplant erfolgen: Die Wahl ist für den 11. August vorgesehen. Der neue Generaldirektor wird das Amt mit Jänner 2027 antreten.
Westenthaler fordert vorgezogene Wahl
Unterdessen fordert der von den Freiheitlichen entsandte Stiftungsrat Peter Westenthaler eine vorgezogene ORF-Wahl. „Das wäre die logische Konsequenz“, sagte Westenthaler im oe24.TV-Interview. Es brauche „so rasch wie möglich Neuwahlen“. Zuvor müsse jedoch noch geprüft werden, ob das rechtlich machbar sei.
Westenthaler zeigte sich zudem empört darüber, erst aus den Medien vom Rücktritt erfahren zu haben. Das sei „der Skandal im Skandal“. Der Vorsitzende des Stiftungsrats und sein Stellvertreter hätten den Stiftungsrat rechtzeitig informieren müssen. „Ich bin der Meinung, dass der Vorsitzende des Stiftungsrats und sein Stellvertreter ebenfalls gleich den Hut nehmen sollen“, forderte Westenthaler. „Das wird noch Konsequenzen haben.“
Thurnher-Bestellung als Skandal
Ebenso übte er scharfe Kritik an der Entscheidung, Radiodirektorin Ingrid Thurnher vorläufig zur ORF-Chefin zu machen. Das sei laut ihm ein „Alleingang“ der Stiftungsratsspitze – „ebenso skandalös, weil ja der Stiftungsrat entscheiden muss“. Die nächste Sitzung des Gremiums findet am Donnerstag,12. März, statt. „Jedenfalls sei nun für eine ordentliche Stimmung am Donnerstag gesorgt.“
ORF hat Chance für Neuausrichtung
Nach dem Weißmann-Rücktritt sieht FPÖ-Mediensprecher Christian Hafenecker den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Der ORF habe nun die Chance, seine „selbstgewählte Rolle als zwangssteuerfinanzierter Regierungslautsprecher“ abzulegen und zu seinem eigentlichen Auftrag zurückzukehren, erklärte Hafenecker. Unter Weißmann sei der ORF zum „Haus- und Hof-Propagandaorgan“ der Regierung geworden – etwa durch die Live-Übertragung des SPÖ-Bundesparteitags, einer Sondersendung zum einjährigen Bestehen der Koalition sowie eine „ZIB Spezial“ zum ÖVP-Neujahrsauftakt. Das Verhältnis zwischen Regierung und Rundfunk gleiche damit eher jenem in ehemaligen Ostblockstaaten, so der freiheitliche Generalsekretär.
Echte Reform nur unter blauer Regierung möglich
Von der interimistischen ORF-Chefin Ingrid Thurnher erwartet Hafenecker nun mehr Distanz zwischen Küniglberg und Verlierer-Ampel sowie eine inhaltliche Neuausrichtung der Programme, die seit Jahren von Einseitigkeit und ideologisch gefärbtem Framing geprägt seien. Auch die jüngsten Kritikpunkte des Rechnungshofes an der ORF-Beitrags-Service GmbH (OBS) griff er auf: Kostensteigerungen, Doppelvorschreibungen und Datenprobleme zeigten das Scheitern des neuen Beitragssystems. Eine echte Reform in Richtung eines schlankeren Grundfunks ohne verpflichtenden Beitrag werde erst unter einer freiheitlich geführten Bundesregierung möglich sein, betonte Hafenecker.
