Unzensuriert-Leser Sandro Elias Kalcher machte eine spannende Reise in ein Land, das die meisten Österreicher als Urlaubsziel meiden würden – nach Afghanistan. In Kabul gelang es ihm, ein Gespräch mit zwei Afghanen zu führen – mit Hussein, einen Unterstützer der neuen Regierung, und mit Ahmad, der einen ganz anderen Standpunkt vertritt. Beide Namen wurden von der Redaktion aus Sicherheitsgründen geändert.
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Ausgrenzung von Frauen
Kalcher: Glauben Sie, dass sich die Machtübernahme der Taliban eher positiv oder negativ auf das Land ausgewirkt hat?
Hussein: Ich denke, dass die Machtübernahme eher positiv war. Wir können uns jetzt sorglos im ganzen Land bewegen. Die Ausgrenzung von Frauen, vor allem im beruflichem Umfeld – keine Kommunikation mit Männern im öffentlichen Dienst – würde ich jedoch als negativ beschreiben.
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Ahmad: Während das Ende des Krieges positiv betrachtet werden kann, hat die Übernahme mehrheitlich negative Folgen mit sich gebracht.
Kalcher: Welche konkrete Vorteile der neuen Regierung können Sie nennen?
Hussein: Wie bereits erwähnt, die Sicherheitslage. Mehr Freiheit, wenn auch nur für Männer. Auch eine deutliche Verminderung der Korruption ist erkennbar. Weiters tut die Regierung ihr Bestes, den Jungen eine Zukunft zu gewährleisten.
Ahmad: Ich persönlich würde das Ende des Bürgerkriegs als positiv betrachten. Weiters haben die Taliban die Sicherheitslage, speziell für ausländische Touristen, verbessert und für diese eine relativ sichere Reise durch das Land ermöglicht.

Bankangestellter darf nur mit männlichen Kunden reden
Kalcher: Welche Nachteile fallen Ihnen zur Machtübernahme der Taliban ein?
Hussein: Einschränkungen für Frauen in der Bildung und im öffentlichen Dienst. Auch bei privaten Arbeitergebern stellt die Segregation zwischen den Geschlechtern einen wirtschaftlichen Nachteil dar (Hussein arbeitet bei der Bank, er darf nur mit männlichen Kunden sprechen, seine Kolleginnen nur mit weiblichen, Anm. d. R.). Ich bin der Meinung, dass die neue Regierung für Volksangehörige der Paschtu vorteilhaft ist, jedoch andere Volksgruppen werden außen vorgelassen.
Ahmed: Extreme Armut und Arbeitslosigkeit, die Schließung diverser Bildungsinstitutionen für Frauen, die Ermordung ehemaliger Regierungsmitarbeiter, darunter auch Soldaten und Polizisten, die Verminderung der femininen Präsenz in der afghanischen Gesellschaft und gewisse Gesetzgebungen zum Thema Bekleidung wie auch Haarschnitt fallen mir hierzu ein.
Fliehen im Sinne von Asyl nicht mehr gerechtfertigt
Kalcher: Sind Sie der Meinung, dass eine Flucht aus Afghanistan heute noch gerechtfertigt ist?
Hussein: Teilweise, ich würde nicht sagen das Fliehen im Sinne von Asyl noch gerechtfertigt ist. Vor allem bei jungen Frauen verstehe ich jedoch, wenn sie das Land für Arbeit und Bildung auf legitimen Weg verlassen wollen.
Ahmad: Ich finde ja. Meine Antwort begründe ich auf die bereits erwähnten Einschränkungen, etwa in der Bildung. Die Zukunft unserer Kinder ist unsicher. Die momentane Untätigkeit und das schlechte Management der alten Regierung sorgten jedoch dafür, dass sich noch einige Personen, welche Anspruch auf Asyl hätten, sich weiter in Afghanistan aufhalten.
Regierung mit Kriegern und Analphabeten
Kalcher: Wie würden Sie die Entwicklung der Situation für Zivilisten beschreiben?
Hussein: Für den größeren Teil der Bevölkerung ist die relative politische Stabilität, welche mit der neuen Regierung kam, vorteilhaft. Jedoch ist die soziale Lage für untere Schichten schlimmer geworden. Dies führe ich jedoch darauf zurück, das noch nicht genug Zeit verstrichen ist, sodass die Taliban die Infrastruktur nicht wieder aufbauen konnten, um jeden eine Anstellung zu verschaffen. Es wird jedoch versucht.
Ahmad: Da die neue Regierung durch Krieger, Analphabeten und bildungsfremden Personen geleitet wird, fehlt es an konkreter Planung, um die humanitäre Krise, welche momentan in unserem Land vorherrscht, zu bewältigen. Aus diesen Gründen weigern sich Industrielle ihr Geld zu investieren, was die Situation nur verschlechtert. Es muss erwähnt werden, dass nur ehemalige Kämpfer und Selbstmordattentäter momentan in der Praxis Aussicht auf Regierungsanstellungen haben.

Frauen dürfen nicht fotografiert werden
Kalcher: Werden Sie die vorherige Frage, konkret auf Frauen bezogen, anders beantworten?
Hussein: Ja, das Leben wird für Frauen immer schwerer. Vor kurzem hat „Mola Hibatullah“ (oberster Führer) es verboten, dass Frauen fotografiert werden dürfen. Dadurch verfällt auch die Möglichkeit für Frauen, einen Reisepass zu beantragen, da kein Foto eingetragen werden kann. Während diese Entwicklungen aus theologischer Sicht verständlich sind, halte ich sie doch für unangebracht.
Ahmad: Katastrophal, wie bereits erwähnt. Ein wichtiger Punkt ist der Ausschluss der Frau von diversen Freizeitanlagen, sprich Freibad oder Vergnügungspark, ohne das Beisein eines Mannes. Es muss jedoch erwähnt werden, dass es sich hierbei um “theoretische” Verbote handelt und besagte Gesetzeslage von der Zivilbevölkerung, fern ab dem Auge der Taliban, meist ignoriert wird.
Regierung zu legitimieren wäre ein Skandal
Kalcher: Welche geopolitischen Entwicklungen wären Ihnen für Ihre Heimat, sprich mehr internationale Kooperationen etc., am liebsten?
Hussein: Internationale Legitimierung der neuen Regierung, um den internationalen Handel zu befeuern und die Arbeit für diverse Menschenrechtsorganisationen, z.B. Unicef, zu erleichtern. Weiters würde ich mir eine neue Aufarbeitung der Frauenrechte in unserem Land wünschen, um auch ihnen das Leben zu erleichtern. Noch dazu sollte die Regierung Personen aus anderen Stämmen in ihre Reihen aufnehmen, um einen besseren Überblick über die Gesamtsituation zu erhalten und abgelegenere Regionen in das politische Geschehen einzubinden.
Ahmad: Die neue Regierung oder irgendeine andere Regierung, welche sämtliche Menschenrechte einfach ignoriert und das Blut der nationalen wie auch internationalen Helden, welche 20 Jahre für Freiheit in Afghanistan gekämpft und gelitten haben, diskreditiert, in irgendeiner politischen Hinsicht zu legitimieren, wäre ein Skandal.
Trainingsplattform für Terrororganisationen
Kalcher: Auf einer Skala von 1 bis 10. Wie würden Sie die bisherige Arbeit der de facto Regierung bewerten?
Hussein: Auch wenn viele Verbesserungen im Land getroffen wurden, gibt es viel Luft nach oben, daher würde ich die neue Regierung mit einer 7 bewerten.
Ahmad: 2. Während die neue Regierung für relative Sicherheit der Zivilbevölkerung gesorgt hat, stellt sie auch eine gute Trainingsplattform für diverse internationale Terrororganisationen dar. Durch die neue Regierung wird Afghanistan zu einer Grabstätte für Frauen und Menschenrechte, ein Zentrum für die Produktion von Extremisten aus unschuldigen Kindern und ein großes Sicherheitsrisiko für die internationale Gesellschaft unter der Herrschaft besagter radikalen Islamisten.






