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Im Jahr 2023 verzeichnete Argentinien eine jährliche Inflationsrate von 211,4 % und damit den höchsten Wert seit 32 Jahren.

11. März 2024 / 11:13 Uhr

Argentiniens Inflationsrate: Was denken die Analysten

Viele Länder befanden oder befinden sich noch immer in wirtschaftlichen Turbulenzen, einige nahmen Kredite beim IWF auf oder mussten Subventionsmaßnahmen ergreifen, um die unruhigen Gewässer der weltweiten Inflation und der geopolitischen Spannungen zu umschiffen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) verzeichnet seit geraumer Zeit einen starken Anstieg der Anträge auf finanzielle Unterstützung, da die Länder mit einer strafferen Geldpolitik, steigenden Preisen und Lieferkettenunterbrechungen zu kämpfen haben. Einige Saaten, wie beispielsweise Argentinien, haben sich für mutige Reformen entschieden, während andere eine sofortige Entlastung durch Subventionen anstreben. Darlehen und Subventionen geben in der Regel Anlass zur Sorge über eine langfristige Tragfähigkeit der gesetzten Maßnahmen.

„Kurze Wege für kurzfristige Entlastung?“ – Nicht für Javier Milei, den neuen Präsidenten von Argentinien. Für ihn fühlt sich die Aufnahme von Krediten wie ein No-Deposit-Bonus an, bei dem man zwar kostenloses Geld erhält, ohne eine erste Einzahlung tätigen zu müssen, es aber immer langfristige Anforderungen gibt. Diesen Notwendigkeiten kann man sich nicht entziehen, und deshalb hat sich der letzte argentinische Staatschef für die langfristigen transformativen Reformen entschieden.

Die Inflationsrate in Argentinien

Im Jahr 2023 verzeichnete Argentinien eine jährliche Inflationsrate von 211,4 % und damit den höchsten Wert seit 32 Jahren. Diese von der staatlichen Statistikbehörde INDEC veröffentlichten Daten waren ein deutlicher Hinweis auf die Auswirkungen der von Präsident Javier Milei durchgeführten Wirtschaftsreformen.

Im Dezember wurde eine monatliche Inflation von 25,5 % verzeichnet. Es ist nicht verwunderlich, dass die monatliche Inflation im November nur mehr 12,8 % betrug, um sofort nach Inkrafttreten der neuen Reformen in den zweistelligen Bereich zu steigen.

Was hat die derzeitige Inflation verursacht?

Die üblichen Verdächtigen für ein Land in wirtschaftlichen Turbulenzen sind in Argentinien nicht anders: Schulden und ein Rückgang der Staatseinnahmen. Argentinien war gezwungen, eine Menge Geld zu drucken, um seine im Laufe der Jahre steigenden Schulden zu finanzieren. Außerdem wurden den Unternehmen von der Regierung hohe Zinsen auferlegt, die es für die Unternehmen teuer machten, zu expandieren.

Man muss kein Wirtschaftsexperte sein, um zu verstehen, dass die Inflation umso stärker ansteigt, je mehr Geld die Regierung druckt. Die Wirtschaft eines Landes kann leicht in eine Rezession geraten, wenn die Regierung keine Maßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft ergreift. Die eigenen Bürger verlieren allmählich das Vertrauen in die Staatsverschuldung, und so erging es auch Argentinien, das im vergangenen Jahr ein IWF-Darlehen in Höhe von rund 69,67 Milliarden Dollar aufgenommen hatte.

Das südamerikanische Land wurde im vergangenen Jahr von einer schweren Dürre heimgesucht, die wahrscheinlich eine der schlimmsten seit langem war und massive Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes hatte. Die größten argentinischen Exporte wie Mais, Weizen und Soja gingen infolge der Dürre drastisch zurück, und die gesamten Einnahmeverluste beliefen sich im vergangenen Jahr auf rund 20 Mrd. USD.

Milei´s schocktherapeutischer Wirtschaftsplan

Milei trat sein Amt am 10. Dezember an und leitete sofort einige Wirtschaftsreformen ein, um das Land aus den anhaltenden wirtschaftlichen Turbulenzen zu befreien. Er begann mit einer Abwertung der Landeswährung um 54 Prozent. Die Regierung hob daraufhin die Preisstopps für die wichtigsten Haushaltswaren auf. Gleich im ersten vollen Monat im Amt kam es zu Preiserhöhungen bei Waren, Dienstleistungen und später auch im Transportwesen.

Im Januar sank die Inflation gegenüber dem Vormonat auf 20,6 Prozent und lag damit geringfügig unter den von Ökonomen prognostizierten 21 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Preise um 254,2 Prozent, die schnellste Rate, seit die zweitgrößte Volkswirtschaft Südamerikas die Hyperinflation Anfang der 1990er Jahre überstanden hat.

Zu Milei´s weiteren Maßnahmen gehörte die Abschaffung der Energie- und Verkehrssubventionen bei gleichzeitiger Erhöhung der Kraftstoffsteuern, um das große Haushaltsdefizit zu stopfen, obwohl der Kongress sein umfassendes Gesetz nicht verabschiedete. Im Juni werden die Fahrpreise der U-Bahn in Buenos Aires auf das Sechsfache des von der Stadtverwaltung vorgeschriebenen Normalpreises steigen.

In seiner Antrittsrede warnte Milei, dass Argentinien einige schmerzhafte Anpassungen vornehmen müsse, die die Wirtschaft zunächst abwärtsführen würden, bevor sie sich stabilisieren könne. Seine Reformen würden sich auf das Beschäftigungsniveau, die Reallöhne und auf eine große Zahl von Menschen auswirken, die von diesen Löhnen ihr Leben bestreiten müssen.

Die zwei Hauptbestandteile seines Wirtschaftsplans waren die Rücknahme der von der Vorgängerregierung festgelegten Subventionen und ein starker Rückgang der Wirtschaftstätigkeit. Ein Land, das ohnehin schon Probleme hat und in dem mehr als 40 % der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben, wird durch diesen Kaufkraftverlust noch schlechter dastehen. Die Gehaltserhöhungen im Dezember lagen bei kläglichen 8,9 % pro Monat und damit deutlich unter der Inflationsrate von 25,5 % im selben Monat.

Milei´s Erfahrungen mit der neuen Machtfülle waren alles andere als reibungslos: Tausende gingen auf die Straße, um sich seinen Reformen zu widersetzen. Der ehemalige Vizepräsident hatte dies kommen sehen und vor einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und der sozialen Verzweiflung gewarnt, die schließlich zu Protesten führen würden, die durch die Unzufriedenheit der Bevölkerung angeheizt würden.

Was in der Zukunft zu erwarten ist

Der argentinische Verband mittlerer Unternehmen (CAME) berichtet, dass die Einzelhandelsumsätze im Januar im Vergleich zum Vorjahr um 28,5 Prozent gesunken sind, wobei die stärksten Rückgänge beim Konsum von Lebensmitteln und Getränken sowie von Arzneimitteln zu verzeichnen waren.

Analysten gehen davon aus, dass wir in den nächsten Monaten den Trend einer schrumpfenden Wirtschaft sehen werden, bevor dieser eine positive Wendung nimmt.

Nach Angaben des IWF wird die argentinische Wirtschaft in diesem Jahr um 2,8 Prozent schrumpfen. Für 2025 wird ein Wachstum von fünf Prozent vorhergesagt, und vielleicht, aber nur vielleicht, wäre das der Beginn eines wirtschaftlichen Comebacks für Argentinien.

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