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Der Kachowka-Staudamm am Fluss Dnepr vor seiner Zerstörung.

7. Juni 2023 / 12:49 Uhr

Dnepr-Dammsprengung: Wem nützt sie wirklich?

Nach der Sprengung des riesigen Kachowka-Staudammes am Dnepr im Ukraine-Krieg sind viele Fragen offen. Russland und Ukraine machen sich gegenseitig für die Tat verantwortlich. Daher bedarf es einen Blick darauf, wem die Katastrophe wirklich nützt.

Etablierte Presse ist sich einmal mehr einig

Die etablierten westlichen Medien sind sich einig: Russland hat den Damm gesprengt, um den Vorstoß der Ukraine, von Westen aus kommend, zu blockieren. So titelt Euronews „Russlands Wille zur Zerstörung der Ukraine“, Der Spiegel mit „Jetzt hat Russland ein Problem weniger“, das staatlich zwangsfinanzierte ZDF spricht gar von „Russlands teuflischer Entscheidung“. Gegenmeinungen, oder gar nur neutrale Betrachtungsweisen findet man nur selten. Tatsächlich gibt es auch positive Auswirkungen für Russland durch die Überflutung. Ganz so leicht ist die Situation jedoch nicht.

Unpassierbarkeit des Dnepr für beide Seiten nachteilig

Es stimmt, dass der große Dnepr-Fluss im Süden nun für beide Kriegsparteien zumindest kurzfristig nicht passierbar ist, auch mittelfristig nur behelfsmäßig. Dies ist im ersten Blick ein großer Vorteil für Russland, da man so eine Offensive der Ukraine von Cherson (Westen) aus ausschließen kann. Dies ist besonders vorteilhaft, da Cherson bereits sehr nahe an der Krim liegt. Tatsächlich ist die Unpassierbarkeit jedoch genauso ein Nachteil für Russland. Auch sie können jetzt nicht mehr Richtung Westen über den Dnepr vorstoßen. Laut russischem Recht ist das westlich des Dnepr gelegene Gebiet der Region Cherson offiziell “Staatsgebiet”, somit ist die “Befreiung” dessen eines der Mindestziele für Russland, zumal auch die Regionalhauptstadt Cherson selbst dort liegt. Auch sekundäre Kriegsziele, die in früheren Kriegsphasen eindeutig verfolgt worden sind, können jetzt nicht mehr erreicht werden. Zu nennen wäre die Eroberung der Stadt Odessa zur alleinigen Herrschaft über den Norden des Schwarzen Meeres, zum anderen der Durchstoß bis nach Transnistrien, der abtrünnigen, prorussischen Provinz in Moldawien.

Ukrainische Gegenoffensive woanders vermutet

Wenn man sich dazu die weiteren Nachteile Russlands aus der Überflutung ansieht, überwiegen diese stark. Die Region ist hauptsächlich von ethnischen Russen besiedelt, deren Dörfer und Städte nun unter Wasser stehen. Für Russland stellt dies in seinem neu annektierten Staatsgebiet eine humanitäre Katastrophe dar. Auch ist das Ostufer und damit russische Stellungen vom Hochwasser viel stärker betroffen als das Westufer. Zusätzlich schien eine Offensive der Ukraine von Westen aus militärisch unlogisch. Wie das ZDF im März berichtete, wäre es für die Ukraine viel erfolgversprechender, auf der gut 200 Kilometer langen Front zwischen Saporischschja und Donbass ans Meer durchzustoßen und somit die Krim zu isolieren. Jüngste Entwicklungen wiederum vermuten die Gegenoffensive ganz woanders. Wie die Neue Zürcher Zeitung berichtet, hat eine große ukrainische Offensive im Osten im Gebiet Donezk begonnen. Wer also letzten Endes hinter dem Dammbruch steht, bleibt ungeklärt. Objektiv betrachtet erwachsen Russland dadurch jedoch mindestens genauso große Nachteile.

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